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Persönliche Gedanken zu meinen Objekten

"Seraphim" sind eine Sorte Engel, die der Überlieferung nach zur obersten der drei Engelhierarchien gehören, die jeweils wiederum aus drei Unterarten bestehen.
Lokalisiert neben den bekannteren "Cherubim" und den "Thronen" haben Seraphim eine außergewöhnliche Aufgabe inne: sie bilden gewissermaßen den ersten Rang um "Gottes Angesicht", welchem sie, so wird es berichtet, immerfort zugewandt sind, dabei in unablässiger Ekstase rufend: "Heilig! Heilig! Heilig!

Im frühen Mittelalter wurden die Seraphim oft dargestellt bestehend aus einem Gesicht, umrahmt von mehreren Paar Flügeln. Ich erinnere mich vage an eine Darstellung, die ich als Jugendliche einmal gesehen haben muss, in der ein Seraph ausschließlich aus einer Menge Augen und Flügeln bestand.

Mein phasenweises Interesse an mittelalterlicher Kunst habe ich tatsächlich einem Schulausflug in der 7. Klasse zu verdanken, der uns in eine Nürnberger Kirche führte, wo ich mich wahrscheinlich als einzige der Klasse tatsächlich für die mittelalterlichen Gemälde begeisterte, die wir dort von unserem Lehrer gezeigt bekamen. Er kann nicht wissen, welche Grundsteine dieser kleine Kulturausflug bei mir gelegt hat und welchen nachhaltigen Eindruck einige seiner Bemerkungen bei mir gemacht haben. Als schüchterne 13-jährige kommuniziert man das schließlich nicht, sondern behält es schweigend für sich und versucht dabei cool und desinteressiert auszusehen, um sich keine Blöße zu geben. Schade eigentlich. Es würde manchem Lehrer vielleicht das Durchhalten in seinem zähen Berufsalltag erleichtern, wenn er wüsste, dass neben den vielen in den Wind gesetzten Worten, das eine oder andere doch einen Keim ansetzen würde, der später zu etwas größerem heranwächst, selbst dann, wenn es für ihn wirken mag, als sei bei der Jugend jede Liebesmüh vergebens. Konkret war es seine Erklärung über die Bedeutung des Goldhintergrundes in den Gemälden, die mich beeindruckte - nämlich, dass das Gold die "Anwesenheit Gottes" symbolisiere. Zudem erklärte er, dass die Maler damals ihre Gemälde nicht signierten, denn man malte zu Ehren Gottes, nicht um das eigene Ego hervorzuheben. Das saß. Am liebsten wäre ich sofort in eine Zeitmaschine gestiegen, um in einer mittelalterlichen Werkstätte wieder auszusteigen und dort in einem Team, (das Individuum war nicht so wichtig) mit an solchen Gemälden zu arbeiten, oder alternativ als klösterlicher Schreiber, bzw. Illustrator handgemalter sakraler Texte mitzuwirken, deren überwältigende Präzision und Präsenz mir beinahe den Atem raubte, als ich eines Tages eher zufällig in eine Ausstellung geriet, in der einige Originale hinter Vitrinen zu sehen waren.

Als Jugendliche opferte ich mein Taschengeld, um mir einige schmale Bildbände zu mittelalterlicher Kunst zu kaufen, denn einfach mal im Internet dazu surfen konnte man damals ja noch nicht und die örtliche Bibliothek war auch nicht so gut sortiert. Einem Seraphim bin ich wahrscheinlich eher dort das erste mal begegnet.

Kaum sind also 38 Jahre vergangen, schon taucht das Thema "Seraphim" aus der Versenkung meines Unbewußten wieder auf 😉 und beschloss, eine Plastik werden zu wollen...
Die Art, wie Ideen im Bewusstsein auftauchen, welche Wege sie dabei wählen und welchen "Spin" (Eigendynamik) sie dabei haben ist äußerst faszinierend, wenn auch schwer zu erforschen, da sie ähnlich wie schon gewöhnliche Gedanken kaum dingfest zu machen sind, aber in ihrer Herkunft noch mysteriöser und oft ohne eine nachvollziehbare Spur ihrer Herkunft zu hinterlassen, wie, eher ausnahmsweise, in diesem Fall.

 

Meine Seraphim sind - kurz gesagt - also einfach eine zeitgenössische Interpretation eines klassischen Themas.

"Unavoidable Species" war meine erste mit dem von mir neu entdeckten polymeren Material.
Ich hatte zuerst Monate damit verbracht in kleinem Maßstab mit dem Material zu üben und seine Möglichkeiten und Handhabung zu erforschen, ehe ich mich an etwas Größeres wagen wollte. Bei der Suche nach einer Idee stieß ich auf eine Phänomen, das mich an den Rat eines meiner Professoren an der FH erinnert, den er uns einmal gab: "Wenn ihr ein Brainstorming für ein neues Projekt macht," erklärte er uns, "dann kann es oft sein, dass ihr ziemlich schnell eine erste Idee habt. Erste Ideen sind nicht immer gute Ideen, aber sie haben eine seltsame Eigenschaft, sie können sehr dominant sein und mit einer ihnen eigenen Vehemenz darauf bestehen, ernst genommen zu werden. Tut man das nicht, kann die erste Idee, wie ein Pfropfen sein, der den Kanal zu weiteren, möglicherweise besseren Ideen versperrt. Also tut der ersten Idee einfach den Gefallen, schreibt sie auf, skizziert sie, verwirklicht sie auf irgendeine Weise, dann wird sie Ruhe geben und den Weg frei machen für die weitere Entwicklung."

Nun, ob der Wortlaut des Professors genau so war, kann ich nicht mehr sagen, aber das ist es, was inhaltlich bei mir hängen blieb und der Rat hat mir fortan immer geholfen, über den "Anfangspfropfen" hinaus zu kommen, indem ich der ersten Idee eine Chance gebe. Hierauf bezieht sich der Titel "Unvermeidbare Spezies", denn ich konnte es sozusagen nicht vermeiden, diese Idee umzusetzen, obwohl ich eigentlich in eine ganz andere Richtung wollte. Aber sind die "Erstgeborenen" nicht immer besonders durchsetzungsfähig? Nachdem die Spezies ihren Platz in der Welt bekommen hat, war der Weg frei für weitere Ideen, die nicht lange auf sich warten lassen sollten.

Ein paar Gedanken vorab...

Die dritte polymere Plastik, die gerade in Arbeit ist, bekommt eine ganz andere Form als die ersten beiden und Symmetrie spielt dabei eine Rolle.

Von Symmetrie war auch eines meiner früheren, umfassenderen Projekt geprägt, bevor ich vom Genre Fotografie in die Plastik wechselte... (www.visiontrees.de)

Symmetrie war lange verpönt, galt als eine Altlast der Klassik von den Griechen bis zum Neoklassizismus und das erste, was der Kunstschüler lernt, ist seine Kompositionen unbedingt asymmetrisch zu halten.

Über Dogmen in der Kunst konnte ich schon immer nur den Kopf schütteln - und sie ist voll davon, es will nur keiner wahrnehmen, weil jeder penibel darauf bedacht ist, sie einzuhalten. Mein rebellischer Geist führt mich meist genau in die Schmudellecken der Kunstkritik. Ich bevorzuge gerade das, was andere nicht mit spitzen Fingern anfassen würden. Aber es macht nichts, das Tabu von heute ist der Zeitgeist von morgen und ich bin daran gewöhnt Geduld zu haben und sei es bis ins Grab und darüber hinaus.

Mit dem Skulpturalen habe ich, denke ich, nun einen Bereich gefunden, in dem ich voraussichtlich länger heimisch sein werde, als bei meinem bisherigen Projekten, da ich unendliche Entwickungsmöglichkeiten darin sehe und der dreidimensionale Raum für mich der magische Raum an sich ist. Wenn keine Katastrophe mehr geschieht, die mich davon abhält, (man weiß ja nie), werde ich raumgreifendere Objekte beginnen, mich eventuell auch an figürliche Darstellungen wagen, sofern ich Raum und Zeit für die Verwirklichung finde. Da Zeit Geld ist, befinde ich mich in einem beständigen Kampf der Landgewinnung für die Kunst, gegen die Erosion meiner Finanzen durch die Naturgewalten "Miete" und "Lebenshaltungskosten", die in monatlichen monsunartigen Schüben die mühsam errungenen Bestände an ferne Ufer hinwegschwemmen, an denen hauptsächlich Leute in Liegestühlen sitzen, die sich nicht für Kunst interessieren, sondern nur für Rendite.
Es wird also weiterhin Entwicklung bei mir stattfinden. Schneller oder kürzer, je nachdem.

Entwicklung, bzw. Evolution ist überhaupt das Schubelement hinter meinem Kunstschaffen. Meist geht es mir darum etwas aus der "Sphäre der ungeborenen Ideen" ins irdische Dasein "herunter zu transferieren" und damit Neues in die Welt zu bringen. Neues ist freilich relativ, manchmal ist das Neue ein Neuergreifen von etwas, das es schon gibt, aber eben auf unerwartete, ungewohnte, spannende und damit eben neue Art und Weise, wie bei den Serpahim.

Manchmal ist es eine neue und überraschende Perspektive auf die Dinge, wie bei meinem Fotoprojekt mit gespiegelten Bäumen.

Interessant beim Schaffen von Neuem ist, dass es nach meiner Erfahrung so etwas wie ein Zeitfenster für eine Idee gibt, innerhalb dessen man die Chance hat, zu den ersten zu gehören, die diese Idee empfangen und umsetzen. Denn - auch das ist eine kontinuierliche Erfahrung von mir - Ideen kommen unbedingt in die Welt, wenn nicht durch mich, dann durch andere und oft genug auch parallel an unterschiedlichen Orten, aber im selben Zeitfenster von ca. 2 Jahren. Da ich mehr Ideen habe, als ich umsetzen kann, halte ich viele davon nur als Skribbles in Skizzenbüchern fest und staune dann immer wieder darüber, dass anderswo, vielleicht mit kleinen Abweichungen, die selbe Idee dann leicht variiert auftaucht!
Faszinierend!

Auch, weil das wirklich die Frage aufwirft, woher Ideen letztlich wirklich kommen (bei den Leuten, die nicht von anderen abgucken).

Haben wir ein kollektives kreatives Unterbewußtsein?
Tragen uns unsichtbare, himmlische Boten die aktuellen Gedanken Gottes zu?
Gibt es einen Pool der Ideen der "ewig, unteilbar und unveränderlich" ist, wie Platon meint, sozusagen in Anlehnung einer allumfassenden Urknalltheorie, nach der sich aus dem Nichts zwar alles hübsch überallhin ausbreitet, aber letztlich nur Neuanordungen einer begrenzt vorhanden Urmasse darstellt?

Mir gefällt Platons Konzept der "Ideenwelt", auch wenn ich mich als Kreativer nicht nur als Nachschaffender von unantastbaren "idealen Ideen" verstehe, sondern das subjektive Empfinden habe, dass aus der Ideenwelt die Ideen selbst aktiv auf Menschen (die mit einer Antenne dafür ausgestattet sind) zukommen und um "Beihilfe zur physischen Geburt bitten", sozusagen. Sie tun das bevorzugt im Traum, im Halbschlaf oder während der nächtlichen Arbeit im Alphawellenzustand... 🙂

Ich bin ja eine Nachtamsel und arbeite meist bis in den Morgen hinein. Deshalb sind vormittagstermine für mich schwer zu ertragen - irgendwann muss Mensch ja schlafen und ich schlafe am liebsten dann, wenn man Gehirn sowieso für nichts Unvernünftiges zu gebrauchen ist. Kunst ist unvernünftig (meine zumindest), da wären die vernunftgeladenen Betawellen als Tagesfrequenz nur kontraproduktiv, denn die fruchtbareren Alphawellen erscheinen vermehrt erst gegen Abend und in der Nacht.

Es ist also um der Unvernunft Willen höchst vernünftig, nachts zu arbeiten, wenn alle anderen schlafen und der Geist weht wo er will.